כִּֽי־תֵצֵ֥א לַמִּלְחָמָ֖ה עַל־אֹיְבֶ֑יךָ וּנְתָנ֞וֹ יְהוָ֧ה אֱלֹהֶ֛יךָ בְּיָדֶ֖ךָ וְשָׁבִ֥יתָ שִׁבְיֽוֹ׃
10
10
Wenn du gegen deine Feinde in den Krieg ziehst, und der Ewige, dein G‑tt, sie in deine Hand gibt, und du unter ihnen Gefangene machst,
Wenn du in den Krieg ziehst
Der Vers spricht von einem freiwilligen Krieg (מִלְחֶמֶת הָרְשׁוּת). Denn bei dem Krieg um das Land Israel kann man nicht sagen „und du unter ihnen Gefangene machst“, weil es bereits heißt (Dew. 20:16) לֹא תְחַיֶּה כָּל נְשָׁמָה „du sollst keine Seele am Leben lassen“.
Raschi
du unter ihnen Gefangene machst
Das fügt die Kna’anim in deren Mitte hinzu, obwohl sie zu den sieben Völkern gehören.
Raschi
וְרָאִיתָ֙ בַּשִּׁבְיָ֔ה אֵ֖שֶׁת יְפַת־תֹּ֑אַר וְחָשַׁקְתָּ֣ בָ֔הּ וְלָקַחְתָּ֥ לְךָ֖ לְאִשָּֽׁה׃
11
11
und du unter den Gefangenen eine Frau von schöner Gestalt siehst und nach ihr Verlangen hast, und du nimmst sie zur Frau.
eine Frau
אֵשֶׁת „Frau“ – sogar die Ehefrau eines Mannes, אֵשֶׁת אִישׁ. (Kiduschin 21b)
Raschi
und du nimmst sie zur Frau
Die Torah spricht nur vom bösen Trieb (יֵצֶר הָרַע). Hätte der Ewige nicht diese Frau erlaubt, so würde er sie – entgegen dem Verbot – heiraten. Bloß, wenn er sie heiratet, wird er sie schlussendlich hassen. So heißt es danach (Vers 15) כִּי תִהְיֶיןָ לְאִישׁ וגו׳ „wenn ein Mann … hat“ und zuletzt wird er mit ihr einen בֵּן סוֹרֵר וּמוֹרֶה zeugen: einen Sohn, der vom Weg abkommt und widerspenstig ist, darum sind diese Abschnitte aneinander gereiht.
Raschi
„wenn ein Mann … hat“: „wenn ein Mann zwei Frauen hat, eine, die er liebt, und eine, die er hasst“ (weiter, Vers 15).
וַהֲבֵאתָ֖הּ אֶל־תּ֣וֹךְ בֵּיתֶ֑ךָ וְגִלְּחָה֙ אֶת־רֹאשָׁ֔הּ וְעָשְׂתָ֖ה אֶת־צִפָּרְנֶֽיהָ׃
12
12
Wenn du sie in dein Haus geführt hast, soll sie sich den Kopf scheren und die Nägel wachsen lassen.
die Nägel wachsen lassen: lang wachsen lassen, damit sie hässlich werde.
Raschi
soll sie sich den Kopf scheren
Denn den Kopf hatte sie sich zuvor geschmückt, um ihn zu verführen.
Baal haTurim
und die Nägel wachsen lassen
Denn mit den Gesten ihrer Finger hatte sie ihm zuvor Zeichen gegeben, um ihn zu verführen.
Baal haTurim
וְהֵסִ֩ירָה֩ אֶת־שִׂמְלַ֨ת שִׁבְיָ֜הּ מֵעָלֶ֗יהָ וְיָֽשְׁבָה֙ בְּבֵיתֶ֔ךָ וּבָֽכְתָ֛ה אֶת־אָבִ֥יהָ וְאֶת־אִמָּ֖הּ יֶ֣רַח יָמִ֑ים וְאַ֨חַר כֵּ֜ן תָּב֤וֹא אֵלֶ֙יהָ֙ וּבְעַלְתָּ֔הּ וְהָיְתָ֥ה לְךָ֖ לְאִשָּֽׁה׃
13
13
Dann soll sie das Gewand ihrer Gefangenschaft ablegen und in deinem Haus sitzen und ihren Vater und ihre Mutter ein Monat lang beweinen; danach erst darfst du zu ihr kommen, damit sie deine Frau wird.
soll sie das Gewand ihrer Gefangenschaft ablegen: weil dieses Gewand schön ist. Bei den Heiden schmücken sich die Töchter im Krieg, um den Feind zur Sünde mit ihnen zu verleiten und so von der Kriegsführung abzulenken.
Raschi
um den Feind zur Sünde zu verleiten: und so von der Kriegsführung abzulenken.
Aderet Elijahu
und in deinem Haus sitzen: in dem Haus, in dem er selbst wohnt. Wenn er hereinkommt, stößt er auf sie; wenn er hinausgeht, stößt er auf sie; sieht sie weinend, reizlos und vernachlässigt, damit sie in seinen Augen missfällig werde.
Raschi
und ihren Vater ein Monat lang beweinen
Warum all das? Damit die Tochter Israels sich freut und diese betrübt ist, die Tochter Israels reizend erscheint und diese verwahrlost.
Raschi
וְהָיָ֞ה אִם־לֹ֧א חָפַ֣צְתָּ בָּ֗הּ וְשִׁלַּחְתָּהּ֙ לְנַפְשָׁ֔הּ וּמָכֹ֥ר לֹא־תִמְכְּרֶ֖נָּה בַּכָּ֑סֶף לֹא־תִתְעַמֵּ֣ר בָּ֔הּ תַּ֖חַת אֲשֶׁ֥ר עִנִּיתָֽהּ׃
14
14
Wenn du aber keinen Gefallen mehr an ihr findest, dann entlasse sie nach ihrem Willen, verkaufe sie aber nicht für Geld. Du darfst sie nicht versklaven, weil du ihr Gewalt angetan hast.
Wenn du aber keinen Gefallen mehr an ihr findest
Die Torah sagt dir im voraus, dass du sie hassen wirst.
Raschi
Du darfst sie nicht versklaven
לֹא תִתְעַמֵּר בָּהּ bedeutet: bediene dich ihrer nicht, behandle sie nicht wie eine Sklavin. Im Persischen nennt man Knechtschaft und Dienst עִימְרָאָה, so habe ich im Buch von R. Mosche haDarschan gesehen.
Raschi
Abgesehen vom Verbot, sie zu verkaufen, ist das ein zusätzliches Verbot, sie als Sklavin zur Arbeit zu zwingen. [Rambam, Lo Ta’asse 264; Chinuch 534]
Rabbi Mosche haDarschan: ein führender Rosch Jeschiwa in Narbonne, Frankreich, im 11. Jh., der eine Sammlung von Midraschim zusammenstellte, deren Material vielfach nicht in anderen Werken der Midrasch-Literatur zu finden ist.
כִּֽי־תִהְיֶ֨יןָ לְאִ֜ישׁ שְׁתֵּ֣י נָשִׁ֗ים הָאַחַ֤ת אֲהוּבָה֙ וְהָאַחַ֣ת שְׂנוּאָ֔ה וְיָֽלְדוּ־ל֣וֹ בָנִ֔ים הָאֲהוּבָ֖ה וְהַשְּׂנוּאָ֑ה וְהָיָ֛ה הַבֵּ֥ן הַבְּכ֖וֹר לַשְּׂנִיאָֽה׃
15
15
Wenn ein Mann zwei Frauen hat, eine, die er liebt, und eine, die er hasst, und beide haben ihm Söhne geboren, die geliebte und die gehasste, und der erstgeborene Sohn ist von der gehassten Frau.
וְהָיָ֗ה בְּיוֹם֙ הַנְחִיל֣וֹ אֶת־בָּנָ֔יו אֵ֥ת אֲשֶׁר־יִהְיֶ֖ה ל֑וֹ לֹ֣א יוּכַ֗ל לְבַכֵּר֙ אֶת־בֶּן־הָ֣אֲהוּבָ֔ה עַל־פְּנֵ֥י בֶן־הַשְּׂנוּאָ֖ה הַבְּכֹֽר׃
16
16
Dann darf er am Tag, wenn er unter seinen Söhnen verteilt, was ihm gehört, nicht dem Sohn der geliebten Frau das Erstgeburtsrecht verleihen auf Kosten des Sohnes der gehassten, der erstgeboren ist.
כִּי֩ אֶת־הַבְּכֹ֨ר בֶּן־הַשְּׂנוּאָ֜ה יַכִּ֗יר לָ֤תֶת לוֹ֙ פִּ֣י שְׁנַ֔יִם בְּכֹ֥ל אֲשֶׁר־יִמָּצֵ֖א ל֑וֹ כִּי־הוּא֙ רֵאשִׁ֣ית אֹנ֔וֹ ל֖וֹ מִשְׁפַּ֥ט הַבְּכֹרָֽה׃
17
17
Sondern er muss den Sohn der gehassten Frau als Erstgeborenen anerkennen und ihm einen doppelten Anteil an allem geben, was sich bei ihm findet; denn er ist das Erste seiner Kraft, ihm kommt das Erstgeburtsrecht zu.
Sondern
כִּי in der Bedeutung אֶלָּא „sondern“.
Saadia Gaon, Raschbam
einen doppelten Anteil
„doppelt“: zwei Brüdern entsprechend. [Raschi]
zwei Brüdern entsprechend: das „Doppelte“ eines einzelnen Bruders.
an allem, was sich bei ihm findet
Von hier geht hervor, dass der Erstgeborene von dem, was erst nach dem Tod des Vaters eingeht, nicht den doppelten Anteil erhält wie von dem, was schon da ist.
Raschi
das Erste seiner Kraft
אֹנוֹ im Sinn von Kraft, Stärke. [Targum Onkelos]
אֹנוֹ im Sinn von מָמוֹן „Vermögen“: רֵאשִׁית, dem Erstgeborenen, אֹנוֹ, fällt der doppelte Anteil des Erbes zu.
Raschbam
כִּֽי־יִהְיֶ֣ה לְאִ֗ישׁ בֵּ֚ן סוֹרֵ֣ר וּמוֹרֶ֔ה אֵינֶ֣נּוּ שֹׁמֵ֔עַ בְּק֥וֹל אָבִ֖יו וּבְק֣וֹל אִמּ֑וֹ וְיִסְּר֣וּ אֹת֔וֹ וְלֹ֥א יִשְׁמַ֖ע אֲלֵיהֶֽם׃
18
18
Wenn jemand einen Sohn hat, der vom Weg abgekommen und widerspenstig ist, der auf die Stimme seines Vaters und auf die Stimme seiner Mutter nicht hören will, und sie züchtigen ihn, und er hört dennoch nicht auf sie,
der vom Weg abgekommen ist
סוֹרֵר –, das Wort סוֹרֵר bedeutet סָר מִן הַדֶּרֶךְ, abweichen, er ist vom richtigen Weg abgekommen.
Raschi
widerspenstig ist
Das Wort מוֹרֶה bedeutet: er lehnt sich gegen die Worte seines Vaters auf.
Raschi
und sie züchtigen ihn
Sie warnen ihn vor drei Personen und züchtigen ihn (Sanh. 71a).
Der Sohn, der vom Weg abgekommen und widerspenstig ist, ist nur dann schuldig, wenn er [von seinen Eltern] Geld stiehlt und eine gewisse Menge Fleisch (תַּרְטֵימַר בָּשָׂר) isst und ein halbes Log Wein trinkt. So steht hier (Vers 20) זוֹלֵל וְסֹבֵא „ein Fresser und Säufer“, und es heißt (Mischle 23:20) אַל תְּהִי בְסֹבְאֵי יָיִן בְּזֹלֲלֵי בָשָׂר לָמוֹ „gehöre nicht zu den Weintrinkern, zu denen, die sich mit Fleisch anfüllen“.
Der Sohn, der vom Weg abgekommen und widerspenstig ist, wird wegen seiner Zukunft getötet. Die Torah erkannte, wohin das am Ende führen würde: er würde das Vermögen seines Vaters aufbrauchen, sein Gewohntes aber weiter verlangen und nicht vorfinden, sich an den Weg stellen und die Menschen berauben. Darum sagt die Torah: יָמוּת זַכַּאי וְאַל יָמוּת חַיָּב, er sterbe ohne Schuld und nicht mit Schuld.
Raschi
Geld stiehlt: er verwendet das gestohlene Geld, um Fleisch und Wein zu kaufen (Sanh. 71a).
eine gewisse Menge Fleisch: תַּרְטֵימַר בָּשָׂר, ein Tartemar Fleisch. Ein Tartemar hat das Gewicht von fünzig Silberdenaren (Sanh. 71a).
halbes Log Wein: ein halbes Log entspricht zwei Rewi’it (das „ein Viertel“ eines Log ist); 1 Log entspricht 345 ml.
züchtigen ihn: der Begriff יִסְּרוּ enthält zwei Bedeutungen: (a) warnen, (b) strafen, züchtigen.
Gur Arye
züchtigen ihn: mit Schlägen der Malkot-Strafe dafür, dass er nach der Warnung gestohlen und gegessen hat.
Rambam, Hil. Mamrim 7:7
züchtigen ihn: der Begriff יִסְּרוּ ist zu verstehen als מַלְּפִין יָתֵיהּ „belehren ihn“, לְשׁוֹן לְלַמֵּד, wie im Vers (Mischle 1:8) שְׁמַע בְּנִי מוּסַר אָבִיךָ „Höre, mein Sohn, auf die Unterweisung [Zucht – Disziplin und Gehorsam] deines Vaters“.
Targum Onkelos
וְתָ֥פְשׂוּ ב֖וֹ אָבִ֣יו וְאִמּ֑וֹ וְהוֹצִ֧יאוּ אֹת֛וֹ אֶל־זִקְנֵ֥י עִיר֖וֹ וְאֶל־שַׁ֥עַר מְקֹמֽוֹ׃
19
19
dann sollen ihn sein Vater und seine Mutter ergreifen und ihn zu den Ältesten seiner Stadt und zum Tor seines Ortes hinausführen,
zum Tor des Gerichts (בֵּית דִּין) an seinem Ort.
Targum Onkelos, Saadia Gaon
וְאָמְר֞וּ אֶל־זִקְנֵ֣י עִיר֗וֹ בְּנֵ֤נוּ זֶה֙ סוֹרֵ֣ר וּמֹרֶ֔ה אֵינֶ֥נּוּ שֹׁמֵ֖עַ בְּקֹלֵ֑נוּ זוֹלֵ֖ל וְסֹבֵֽא׃
20
20
und sie zu den Ältesten seiner Stadt sagen: Dieser unser Sohn ist vom Weg abgekommen und widerspenstig, er gehorcht nicht unseren Stimmen, ist ein Fresser und Säufer.
unser Sohn
Der Ausdruck בְּנֵנוּ זֶה „dieser unser Sohn“ wird ohne den Buchstaben י (Jud, Gematria 10) geschrieben; es ist, als hätte er alle 10 Gebote übertreten. Das bezieht sich auf Awschalom: er war der Sohn einer schönen Gefangenen (בֵּן יְפַת תֹּאַר) und wurde zu einem בֵּן סוֹרֵר וּמוֹרֶה, der vom Weg abgekommen und gegen seinen Vater aufsässig ist; die Gematria von (Vers 18) לְאִישׁ בֵּן beträgt 393, so wie זֶה בְּאַבְשָׁלוֹם „das geschah mit Awschalom“.
Rokeach, Baal haTurim
Fresser und Säufer
זוֹלֵל, er ergreift gierig Fleisch und schlägt sich den Bauch voll.
סֹבֵא, er trinkt gierig Wein und betrinkt sich.
Rabbenu Bechaje
וּ֠רְגָמֻהוּ כָּל־אַנְשֵׁ֨י עִיר֤וֹ בָֽאֲבָנִים֙ וָמֵ֔ת וּבִֽעַרְתָּ֥ הָרָ֖ע מִקִּרְבֶּ֑ךָ וְכָל־יִשְׂרָאֵ֖ל יִשְׁמְע֥וּ וְיִרָֽאוּ׃
21
21
Dann sollen ihn alle Menschen seiner Stadt steinigen und er sterbe, so sollst du das Böse aus deiner Mitte entfernen und ganz Israel soll es hören und sich fürchten.
ganz Israel soll es hören und sich fürchten
Von hier geht hervor, dass im Gericht (בֵּית דִּין) bekanntgemacht werden muss: Der und der wird gesteinigt, weil er ein Sohn war, der vom Weg abgekommen und widerspenstig war (Sanh. 89a).
Raschi
Selbst wer die Menschen beraubt und dabei tötet, wird mit der Todesstrafe Erwürgen (חֶנֶק) bestraft, nicht aber mit Steinigung (סְקִילָה). Die Torah sieht ihn des Verbots מְקַלֵּל אָבִיו וְאִמּוֹ schuldig – „wer Vater oder Mutter verflucht“ –, das mit der Todesstrafe durch Erwürgen belegt ist.
Daat Skenim