וַיֹּ֗אמֶר אַסְתִּ֤ירָה פָנַי֙ מֵהֶ֔ם אֶרְאֶ֖ה מָ֣ה אַחֲרִיתָ֑ם כִּ֣י ד֤וֹר תַּהְפֻּכֹת֙ הֵ֔מָּה בָּנִ֖ים לֹא־אֵמֻ֥ן בָּֽם׃
20
20
Er sagte: Verbergen will Ich Mein Angesicht vor ihnen, will sehen, was ihr Ende sein wird. Denn eine Generation der Verkehrung sind sie, Kinder, in denen keine Treue ist.
was ihr Ende sein wird: was zuletzt über sie kommt.
Raschi
eine Generation der Verkehrung
דוֹר תַּהְפּוּכוֹת „eine Generation der Verkehrung“: sie verkehren (מְהַפְּכִין) Mein Wohlgefallen in Zorn.
Raschi
in denen keine Treue ist
אֵמֻן in der Bedeutung „Erziehung“ (auf Französisch norture), von (Esther 2:7) וַיְהִי אֹמֵן „er war der Erzieher [Hadassas]“. Meine Erziehung ist nicht an ihnen zu erkennen; denn Ich habe ihnen den guten Weg gezeigt, und sie sind davon abgewichen.
Raschi
Andere Erklärung, אֵמֻן vom Wort אֱמוּנָה „Treue“. Wie der Targum Onkelos sagt [בְּנַיָּא דְּלֵית בְּהוֹן הֵימָנוּ „Kinder, in denen keine Treue ist“], denn am Sinai sagten sie (Schem. 24:7)
נַעֲשֶׂה וְנִשְׁמָע „wir wollen tun und hören“; und schon nach kurzer Zeit brachen sie ihr Versprechen und machten das Goldene Kalb.
Raschi
הֵ֚ם קִנְא֣וּנִי בְלֹא־אֵ֔ל כִּעֲס֖וּנִי בְּהַבְלֵיהֶ֑ם וַאֲנִי֙ אַקְנִיאֵ֣ם בְּלֹא־עָ֔ם בְּג֥וֹי נָבָ֖ל אַכְעִיסֵֽם׃
21
21
Sie haben Meinen Zorn erregt durch einen Nicht\-Gott, haben Mich zum Zorn gereizt durch ihre Nichtigkeiten. So will auch Ich sie erzürnen durch ein Nicht\-Volk, durch ein unwürdiges Volk will Ich sie zum Zorn reizen.
Meinen Zorn erregt
קִנְאוּנִי – הִבְעִירוּ חֲמָתִי, sie haben Meinen Zorn entzündet.
Raschi
durch ein Nicht\-Volk: durch ein Volk, das keinen Namen hat. So heißt es (Jesch. 23:13) הֵן אֶרֶץ כַּשְׂדִים זֶה הָעָם לֹא הָיָה „siehe, das Land der Kasdim, das Volk, das nicht gewesen ist“; und ebenso heißt es von Esaw (Owadja 1:2) בָּזוּי אַתָּה מְאֹד „du bist sehr verachtet“.
Raschi
heißt es von Esaw „du bist sehr verachtet“: auch Edom war ein unbedeutendes, niedriges Volk. G‑tt strafte Israel, indem er den Zweiten Tempel zerstörten ließ und das Volk nach Edom verbannte. Dort musste es erneut unter einem unbedeutenden „Nicht\-Volk“ leiden.
Imre Schefer
durch einen Nicht\-Gott: durch etwas, das nicht g‑ttlich ist.
Raschi
durch ein unwürdiges Volk will Ich sie zum Zorn reizen
Das sind diejenigen, die den Ewigen verleugnen. So heißt es auch (Teh. 14:1) אָמַר נָבָל בְּלִבּוֹ אֵין אֱלֹהִים „der Nichtswürdige spricht in seinem Herzen, G‑tt ist nicht da“.
Raschi
כִּי־אֵשׁ֙ קָדְחָ֣ה בְאַפִּ֔י וַתִּיקַ֖ד עַד־שְׁא֣וֹל תַּחְתִּ֑ית וַתֹּ֤אכַל אֶ֙רֶץ֙ וִֽיבֻלָ֔הּ וַתְּלַהֵ֖ט מוֹסְדֵ֥י הָרִֽים׃
22
22
Denn Feuer flammt auf in Meinem Zorn, es brennt bis in den untersten Sche’ol und frisst das Land und seinen Ertrag und setzt in Brand das, was auf Berge gegründet ist.
flammt auf
קָדְחָה bedeutet „brennen“, „lodern“.
Raschi
es brennt
וַתִּיקַד „es brennt“ in eurer Mitte bis zum Fundament.
Raschi
frisst das Land und seinen Ertrag: euer Land und seinen Ertrag.
Raschi
setzt in Brand
[Welcher Ort wird als מוֹסְדֵי הָרִים bezeichnet, und was bedeutet dieser Ausdruck?]
וַתְּלַהֵט „setzt in Brand“ die Stadt Jeruschalaim, die auf Berge (הָרִים) gegründet ist (מְיֻסֶּדֶת), wie es heißt (Teh. 125:2) יְרוּשָׁלַיִם הָרִים סָבִיב לָהּ „Jeruschalaim hat Berge ringsum“.
Raschi
אַסְפֶּ֥ה עָלֵ֖ימוֹ רָע֑וֹת חִצַּ֖י אֲכַלֶּה־בָּֽם׃
23
23
Häufen will Ich Unheil über sie, Meine Pfeile gegen sie verbrauchen.
Häufen will Ich Unheil über sie: Ich verbinde Unglück mit Unglück. Das Wort אַסְפֶּה kommt von (Jesch. 29:1) סְפוּ שָׁנָה עַל שָׁנָה „häuft Jahr auf Jahr“; (Jesch. 29:18) סְפוֹת הָרָוָה „um das Versehen zu häufen“; (Jirm. 7:21) עוֹלוֹתֵיכֶם סְפוּ עַל זִבְחֵיכֶם
„eure Ganzopfer häuft auf eure Mahlopfer“.
Andere Erklärung: אַסְפֶּה in der Bedeutung von
„Ich verbrauche“, „reibe auf“. Wie (Ber. 19:17) פֶּן תִּסָּפֶה „dass du nicht aufgerieben werdest“.
Raschi
Meine Pfeile gegen sie verbrauchen
Alle Meine Pfeile verbrauche Ich gegen sie. Dieser Fluch enthält in seiner Strafe einen Segen: Meine Pfeile gehen zu Ende, aber die Kinder Israel gehen nie zu Ende.
Raschi
מְזֵ֥י רָעָ֛ב וּלְחֻ֥מֵי רֶ֖שֶׁף וְקֶ֣טֶב מְרִירִ֑י וְשֶׁן־בְּהֵמוֹת֙ אֲשַׁלַּח־בָּ֔ם עִם־חֲמַ֖ת זֹחֲלֵ֥י עָפָֽר׃
24
24
Haarig vor Hunger sind sie, in der Schlacht bekämpft von fliegenden Dämonen, dahingerafft vom Dämon namens Meriri, den Zahn der Tiere sende Ich gegen sie, mit dem Gift der im Staub Kriechenden.
Haarig vor Hunger
מְזֵי רָעָב wird von Onkelos übersetzt נְפִיחֵי כָפָן „vom Hunger angeschwollen“. Es gibt aber keine andere Stelle, die das bestätigen könnte.
Im Namen von R. Mosche haDarschan aus Toulouse habe ich gehört: מְזֵי רָעָב „Haare des Hungers“; ein magerer Mensch hat langes Haar auf dem Körper. מְזֵי – im Aramäischen heißt Haar מַזְיָא, (Megilla 18a) דַּהֲוָה מְהַפֵּךְ בְּמַזְיָא „der sein Haar umwandte“.
Raschi
Rabbi Mosche haDarschan: ein führender Rosch Jeschiwa in Narbonne, Frankreich, im 11. Jh., der eine Sammlung von Midraschim zusammenstellte, deren Material vielfach nicht in anderen Werken der Midrasch-Literatur zu finden ist.
In den meisten Raschi-Ausgaben steht „R. Mosche haDarschan aus Toulouse“. Allerdings zitiert Raschi diesen Gelehrten an zahlreichen Stellen seines Kommentars, ohne ihn je zuvor als „aus Toulouse“ zu bezeichnen. Tatsächlich leitete R. Mosche haDarschan die Jeschiwa in Narbonne. In Handschriften und frühen Drucken der Raschi-Kommentare findet sich stattdessen die Angabe „R. Jehuda haDarschan aus Toulouse“. Gemeint ist damit wohl ein Sohn von R. Mosche haDarschan; er lebte zur Zeit Raschis und wird in Quellen so wie sein Vater als Erklärer und Deuter der Torah erwähnt.
bekämpft von fliegenden
וּלְחוּמֵי רֶשֶׁף, die Dämonen bekämpfen sie, so heißt es (Ijow 5:7) וּבְנֵי רֶשֶׁף יַגְבִּיהוּ עוּף „die Flügelwesen schwingen sich schwebend empor“, das sind die Dämonen (שֵׁדִים).
Raschi
dahingerafft von Meriri
וְקֶטֶב מְרִירִי, das Raffen des Dämons, der Meriri heißt (Pessachim 111b). Das Wort קֶטֶב bedeutet „dahinraffen“, wie (Hosch. 13:14) אֱהִי קָטָבְךָ שְׁאוֹל „ich werde dich dahinraffen lassen vom Abgrund“.
Raschi
den Zahn der Tiere
Es kam einmal vor, dass Schafe bissen und töteten (Sifre, Abschn. 321).
Raschi
Gewöhnlich greifen wilde Tiere (חַיּוֹת) mit tödlichem Biss an, im Gegensatz zu domestizierten Tieren (בְּהֵמוֹת), deren Biss nicht tödlich ist. Der Vers drückt mit dem Wort בְּהֵמוֹת aus, dass die Strafen unnatürliches Ausmaß nehmen, sodass selbst zahme Tiere die Menschen angreifen und ihr Biss tödlich ist.
Misrachi
Der Umstand, dass dieser Biss zahmer Tiere (בְּהֵמוֹת) tötet, wird aus dem nächsten Teil des Verses geschlossen: עִם חֲמַת זֹחֲלֵי עָפָר „mit dem Gift der im Staub Kriechenden“. So wie dieser Teil einen tödlichen Biss beschreibt, so spricht auch der erste Teil des Verses davon.
Raschi zu Wajikra 26:22; siehe Tosafot zu Bawa Kama 3a, ד״ה ושן בהמות
Das bedeutet nicht, dass nur zahme Tiere angreifen und mit ihrem Biss töten, sondern dass sowohl wilde als auch zahme Tiere Menschen angreifen.
Tosafot zu Bawa Kama 3a, ד״ה ושן בהמות
mit dem Gift der im Staub Kriechenden
חֲמַת זֹחֲלֵי עָפָר ist das Gift der Schlangen, die auf ihrem Bauch im Staub kriechen, wie Wasser auf der Erde fließt. Unter זְחִילָה versteht man das Fließen des Wassers auf der Erde, und ebenso die Bewegung jeder Sache, die den Boden streifend sich fortbewegt.
Raschi
מִחוּץ֙ תְּשַׁכֶּל־חֶ֔רֶב וּמֵחֲדָרִ֖ים אֵימָ֑ה גַּם־בָּחוּר֙ גַּם־בְּתוּלָ֔ה יוֹנֵ֖ק עִם־אִ֥ישׁ שֵׂיבָֽה׃
25
25
Draußen tötet das Schwert und drinnen die Angst: den Jungen wie die Jungfrau, den Säugling mit dem alten Mann.
Draußen tötet das Schwert
Außerhalb der Stadt tötet sie das Schwert der feindlichen Heere.
Raschi
und drinnen die Angst
וּמֵחֲדָרִים אֵימָה, wörtl. „in den Zimmern die Angst“. Wenn einer flieht und dem Schwert entkommt, dann pochen ihm vor Angst die Kammern des Herzens (חַדְרֵי לִבּוֹ), sodass er allmählich davon stirbt.
Andere Erklärung: und drinnen die Angst – im Haus wird die Angst vor der Seuche sein; wie es heißt (Jirm. 9:20) כִּי עָלָה מָוֶת
בְּחַלּוֹנֵינוּ „denn der Tod stieg durch unsere Fenster“. So übersetzt auch Onkelos [die Worte וּמֵחֲדָרִים אֵימָה als וּמִתַּוָּנַיָּא חַרְגַּת מוֹתָא, und תַּוָּנַיָּא bedeutet „Zimmer des Hauses“].
Andere Erklärung: draußen tötet das Schwert – für das, was sie auf den Straßen getan haben; so heißt es (Jirm. 11:13) וּמִסְפַּר חוּצוֹת יְרוּשָׁלַיִם שַׂמְתֶּם מִזְבְּחוֹת לַבֹּשֶׁת „gleich der Anzahl der Straßen von Jeruschalaim habt ihr Altäre der Schande errichtet“; und drinnen die Angst – וּמֵחֲדָרִים אֵימָה, in den Zimmern die Angst für das, was sie in den innersten Zimmern getan haben, so heißt es (Jech. 8:12) אֲשֶׁר זִקְנֵי בֵית יִשְׂרָאֵל
עוֹשִׂים בַּחֹשֶׁךְ אִישׁ בְּחַדְרֵי מַשְׂכִּיתוֹ „was die Ältesten Israels im Dunkeln tun, ein jeder in den Zimmern seines Palastes“.
Raschi
אָמַ֖רְתִּי אַפְאֵיהֶ֑ם אַשְׁבִּ֥יתָה מֵאֱנ֖וֹשׁ זִכְרָֽם׃
26
26
Ich sagte, Ich will ihnen ein Ende bereiten, lasse ihr Andenken von der Menschheit tilgen.
Ich sagte, Ich will ihnen ein Ende bereiten
אַפְאֵיהֶם – אַפְאֶה אוֹתָם, Ich sagte in Meinem Herzen, Ich will ihnen ein Ende bereiten.
Außerdem kann man אַפְאֵיהֶם erklären: Ich will sie zu einer פֵּאָה (Feldecke) machen, sie als herrenlos von Mir wegwerfen. Die Bedeutung von אַפְאֵיהֶם „in einen Winkel weise Ich sie“ finden wir bei Esra (Nech. 9:22) וַתִּתֵּן לָהֶם מַמְלָכוֹת וַעֲמָמִים וַתַּחְלְקֵם לְפֵאָה
„Du gabst ihnen Reiche und Völker und verteiltest sie ihnen wie eine Feldecke“, als herrenlos. So verbindet es auch Menachem ben Saruk.
Manche erklären es wie der Targum: יֵחוּל רוּגְזִי עֲלֵיהוֹן, Mein Zorn wird auf ihnen ruhen. Das ist aber nicht richtig. Denn wenn es so wäre, hätte der Vers אֲאַפְאֵיהֶם schreiben müssen, einmal den Buchstaben א (Alef) für שִׁמּוּשׁ und ein weiteres Mal א für יסוֹד, wie (Jesch. 45:5) אֲאַזֶּרְךָ „ich umgürtete dich“; (Ijow 16:5) אֲאַמִּצְכֶם בְּמוֹ פִי „ich würde euch stärken mit meinem Mund“; und das zweite א gehörte keineswegs dazu.
Onkelos übersetzt nach dem Wortlaut der Baraita, die im Sifre (Abschn. 322) gebracht wird. Sie teilt das Wort אַפְאֵיהֶם in drei Wörter: אָמַרְתִּי אַף אֵי הֵם, „Ich sprach im Zorn, wo sind sie“.
Ich sagte in Meinem Zorn, ich mache sie, als ob sie nicht wären, so dass, die sie einst sahen, von ihnen sagen, wo sind sie.
Raschi
Menachem ben Saruk (ca. 920–970, Spanien), Verfasser des hebräischen Wörterbuches Machberet.
לוּלֵ֗י כַּ֤עַס אוֹיֵב֙ אָג֔וּר פֶּֽן־יְנַכְּר֖וּ צָרֵ֑ימוֹ פֶּן־יֹֽאמְרוּ֙ יָדֵ֣ינוּ רָ֔מָה וְלֹ֥א יְהוָ֖ה פָּעַ֥ל כָּל־זֹֽאת׃
27
27
Wenn nicht der Zorn des Feindes gehäuft wäre, dass ihre Gegner es entstellen, dass sie sagen: Unsere Hand war erhaben! — und nicht: Der Ewige hat all das bewirkt!
Wenn nicht der Zorn des Feindes gehäuft wäre
לוּלֵי כַּעַס אוֹיֵב אָגוּר „Wenn nicht der Zorn des Feindes gehäuft wäre“, zu zerstören. Und würde der Feind sie besiegen und vernichten, so würde er die Größe sich und seinen Göttern zuschreiben und nicht Mir die Größe zuerkennen. Das bedeuten die Worte פֶּן יְנַכְּרוּ צָרֵימוֹ „dass nicht ihre Gegner es entstellen“, die Sache falsch darstellen, die Größe einem Fremden zuschreiben, dem der Ruhm nicht gebührt. Und weiter
פֶּן יֹאמְרוּ יָדֵינוּ רָמָה „damit sie nicht sagen, unsere Hand war erhaben“.
Raschi
כִּי־ג֛וֹי אֹבַ֥ד עֵצ֖וֹת הֵ֑מָּה וְאֵ֥ין בָּהֶ֖ם תְּבוּנָֽה׃
28
28
Denn ein Volk, das Rat verloren hat, sind sie und keine Einsicht ist bei ihnen.
Denn sie: das feindliche Volk, sind ein Volk, das Rat verloren hat. Und keine Einsicht ist bei ihnen: Denn wäre es weise, so würde es verstehen (Vers 30) אֵיכָה יִרְדֹּף אֶחָד וגו׳ „wie vermag eine Person Tausend jagen …“.
Raschi