לֹא־תַעֲשׂ֥וּ עָ֙וֶל֙ בַּמִּשְׁפָּ֔ט לֹא־תִשָּׂ֣א פְנֵי־דָ֔ל וְלֹ֥א תֶהְדַּ֖ר פְּנֵ֣י גָד֑וֹל בְּצֶ֖דֶק תִּשְׁפֹּ֥ט עֲמִיתֶֽךָ׃
15
15
Ihr sollt kein Unrecht tun im Gericht. Berücksichtige nicht den Armen, und begünstige nicht das Ansehen eines Großen; mit Gerechtigkeit sollst du deinen Nächsten richten.
Ihr sollt kein Unrecht tun im Gericht
Das lehrt, dass der Richter, der das Recht verdreht, ein Übeltäter (עַוָּל), ein Gehasster (שָׂנְאוּי), ein Verabscheuter (מְשֻׁקָּץ), ein Geächteter (חֵרֶם) und ein Gräuel (תוֹעֵבָה) genannt wird. So steht (Dew. 25:16) כִּי תּוֹעֲבַת ה׳ גו׳ כֹּל עֹשֵׂה עָוֶל „denn ein Gräuel dem Ewigen ist jeder, der Unrecht tut“; und der Gräuel wird verabscheut und geächtet genannt, so steht (Dew. 7:26) וְלֹא תָבִיא תוֹעֵבָה אֶל בֵּיתֶךָ וְהָיִיתָ חֵרֶם כָּמֹהוּ שַׁקֵּץ תְּשַׁקְּצֶנּוּ „bringe keinen Gräuel in dein Haus, du wärest gleich ihm geächtet, verabscheuen sollst du ihn“.
Raschi
Berücksichtige nicht den Armen
Sage nicht, er ist arm, und der Reiche ist verpflichtet, ihn zu ernähren, darum will ich ihm im Gericht Recht geben, damit er auf schöne Weise ernährt werde.
Raschi
und begünstige nicht das Ansehen eines Großen
Sage nicht, er ist reich, ein Sohn von wichtigen Personen; wie kann ich ihn beschämen und seine Schande sehen, das wäre strafbar; darum steht „begünstige nicht das Ansehen eines Großen“.
Raschi
das Ansehen: wörtl. das Angesicht.
mit Gerechtigkeit sollst du deinen Nächsten richten: wie die einfache Bedeutung ist – mit Gerechtigkeit.
Andere Erklärung: Beurteile deinen Nächsten nach der günstigen Seite hin (הֱוֵי דָּן אֶת חֲבֵרְךָ לְכַף זְכוּת).
Raschi
Das ist eine Anweisung an den Richter, ein gerechtes Urteil zu fällen. Während die vorangehenden Versteile Verbote gegen die Rechtsbeugung aussprachen, fügt die Torah hier ein positives Gebot zur gerechten Rechtsprechung hinzu. [Tiferet Israel, Maskil leDavid]
„Mit Gerechtigkeit sollst du richten“ bezieht sich auf den Ablauf des Verfahrens. Der Richter muss den Fall „gerecht“ führen, indem er beide Prozessparteien gleichwertig behandelt. Er darf beispielsweise nicht zulassen, dass ein Beteiligter sitzt, während der andere stehen muss, oder einem freien Vortrag gewähren, während er den anderen zur Eile drängt. Der Richter darf keinerlei Parteilichkeit zeigen. Eine Benachteiligung würde den betroffenen Beteiligten verunsichern und ihn daran hindern, seine Argumente wirksam vorzubringen (Torat Kohanim, Raschi zu Schewuot 30a, ד״ה שלא יהא).
לֹא־תֵלֵ֤ךְ רָכִיל֙ בְּעַמֶּ֔יךָ לֹ֥א תַעֲמֹ֖ד עַל־דַּ֣ם רֵעֶ֑ךָ אֲנִ֖י יְהוָֽה׃
16
16
Gehe nicht als Verleumder in deinem Volk herum, stehe nicht untätig bei dem Blut deines Nächsten. Ich bin der Ewige.
Gehe nicht als Verleumder in deinem Volk herum
Ich meine, weil alle, die Streit stiften und böse Nachrede erzählen, in den Häusern der Mitmenschen umhergehen, um auszukundschaften, was sie Böses sehen oder hören könnten, um es auf der Straße zu erzählen, darum werden sie Auskundschafter genannt, die umhergehen, um zu spionieren, espiement „ausspähen“ im Französischen.
Ein Beweis für meine Worte ist, dass wir רְכִילוּת immer nur in Verbindung mit „gehen“ finden: לֹא תֵלֵךְ רָכִיל „gehe nicht als Verleumder herum“; (Jirm. 6:28) הֹלְכֵי רָכִיל נְחֹשֶׁת וּבַרְזֶל „Verleumder wie Kupfer und Eisen“.
Wenn aber sonst böse Nachrede (לָשׁוֹן הָרָע) erwähnt wird, steht nicht „gehen“ dabei: (Teh. 101:5) מְלָשְׁנִי בַסֵּתֶר רֵעֵהוּ „wer im Geheimen den Mitmenschen verleumdet“; (Teh. 120:2) לָשׁוֹן רְמִיָּה „trügerische Zunge“; (Teh. 12:4) לָשׁוֹן מְדַבֶּרֶת גְּדוֹלוֹת „eine Zunge, die Vermessenes redet“. Darum sage ich, der Ausdruck רָכִיל bedeutet הוֹלֵךְ וּמְרַגֵּל „er geht und spioniert“. Der Buchstabe כ (Kaf) tritt an die Stelle von ג (Gimel), denn alle Buchstaben, die an derselben Stelle im Mund ausgesprochen werden [d.h. entweder Kehle, Gaumen, Lippen, Zunge oder Zähne], können untereinander vertauscht werden; der Buchstabe ב (Bet) mit פ (Pe), [denn beide werden mit den Lippen ausgesprochen]; der Buchstabe ג (Gimel) mit כ (Kaf) und ק (Kuf), [denn alle drei werden mit dem Gaumen ausgesprochen]; ז (Sajin) mit צ (Zadi), [denn beide werden mithilfe der Zähne ausgesprochen].
Ebenso (2 Schmu. 19:28) וַיְרַגֵּל בְּעַבְדְּךָ „er verleumdete deinen Knecht“; (Teh. 15:3) לֹא רָגַל עַל לְשֹׁנוֹ „der mit seiner Zunge nicht verleumdet“. Ebenso ist רוֹכֵל der Kaufmann, der nach jeder Ware ausspäht. Ebenso der Händler mit guten Gerüchen, mit denen sich die Frauen schmücken. Weil er immer in den Ortschaften umhergeht, wird er רוֹכֵל von רוֹגֵל „Fußgänger“ genannt.
Der Targum übersetzt לֹא תֵלֵךְ רָכִיל als לָא תֵיכוּל קוּרְצִין „iss nicht die Stücke“; wie (Dan. 3:8) וַאֲכַלוּ קָרְצֵיהוֹן דִּי יְהוּדָיֵא „und verleumdeten die Juden“; (Berachot 58a) אֲכַל בֵּיהּ קֻרְצָא בֵּי מַלְכָּא „verleumdete ihn beim König“. Es scheint mir, ihre Art war, im Haus dessen, der ihren Worten Glauben schenkte, irgendeinen Imbiss zu essen. Das war die letzte Bestätigung, dass die Worte des Verleumders begründet seien und er sie auf Wahrheit gestellt habe. Dieser Imbiss wurde „das Essen von קוּרְצִין“ genannt, von (Misch. 6:13) קֹרֵץ בְּעֵינָיו „er zwinkert mit den Augen“. Denn so ist die Art aller Verleumder, mit den Augen zu zwinkern und die Worte ihrer Verleumdung nur anzudeuten, damit die anderen Zuhörer sie nicht verstehen würden.
Raschi
stehe nicht bei dem Blut: seinen Tod zu sehen, während du ihn retten kannst. Wenn er zum Beispiel im Fluss ertrinkt, oder ein wildes Tier oder Räuber ihn überfallen (Sanhedrin 73a).
Raschi
stehe nicht bei dem Blut: wenn du ihn vor Gericht durch deine Kenntnis der Lage entlasten könntest, aber nicht als Zeuge auftrittst.
Targum Jonathan
Ich bin der Ewige: treu, den Lohn zu bezahlen, und wahrhaft, zu strafen.
Raschi
לֹֽא־תִשְׂנָ֥א אֶת־אָחִ֖יךָ בִּלְבָבֶ֑ךָ הוֹכֵ֤חַ תּוֹכִ֙יחַ֙ אֶת־עֲמִיתֶ֔ךָ וְלֹא־תִשָּׂ֥א עָלָ֖יו חֵֽטְא׃
17
17
Du sollst deinen Bruder nicht hassen in deinem Herzen; du sollst deinen Nächsten ernstlich zurechtweisen, doch lade dir seinetwegen keine Sünde auf.
Du sollst deinen Bruder nicht hassen in deinem Herzen; du sollst deinen Nächsten ernstlich zurechtweisen
Hat er sich gegen dich versündigt, so hasse ihn nicht im Verborgenen, „in deinem Herzen“ בִּלְבָבֶךָ, sondern „stelle ihn zur Rede“ הוֹכֵחַ תּוֹכִיחַ, und dadurch wird es zu Frieden kommen.
Wenn du den Hass aber im Herzen belässt, תִשָּׂא עָלָיו חֵטְא „lädst du dir durch ihn Sünde auf“.
Raschbam
lade dir seinetwegen keine Sünde auf: beschäme ihn nicht öffentlich (Erechin 16b).
Raschi
לֹֽא־תִקֹּ֤ם וְלֹֽא־תִטֹּר֙ אֶת־בְּנֵ֣י עַמֶּ֔ךָ וְאָֽהַבְתָּ֥ לְרֵעֲךָ֖ כָּמ֑וֹךָ אֲנִ֖י יְהוָֽה׃
18
18
Räche dich nicht, sei nicht nachtragend den Kindern deines Volkes sondern liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Ich bin der Ewige.
Räche dich nicht
Einer sagt zum Anderen: Leihe mir deine Sense, und jener sagt, Nein. Am nächsten Tag sagt der zweite zum ersten: Leihe mir deine Axt, und er sagt: Ich leihe sie dir nicht, wie du auch mir nicht geliehen hast – das ist Rache (נְקִימָה). Und was heißt Nachtragen (נְטִירָה)? Er sagt zu ihm, Leihe mir deine Axt, und jener sagt, Nein. Am nächsten Tag sagt der zweite zum ersten, Leihe mir deine Sense, und er sagt: Hier hast du sie, ich bin nicht wie du, denn du hast mir nicht geliehen – das ist Nachtragen. Er bewahrt den Hass in seinem Herzen, wenn er sich auch nicht rächt (Joma 23a).
Raschi
liebe deinen Nächsten wie dich selbst
Rabbi Akiwa sagt: Das ist die große Regel der Torah.
Raschi
אֶֽת־חֻקֹּתַי֮ תִּשְׁמֹרוּ֒ בְּהֶמְתְּךָ֙ לֹא־תַרְבִּ֣יעַ כִּלְאַ֔יִם שָׂדְךָ֖ לֹא־תִזְרַ֣ע כִּלְאָ֑יִם וּבֶ֤גֶד כִּלְאַ֙יִם֙ שַֽׁעַטְנֵ֔ז לֹ֥א יַעֲלֶ֖ה עָלֶֽיךָ׃ (פ)
19
19
Meine Anordnungen sollt ihr beachten: Dein Vieh sollst du nicht paaren lassen in vermischten Arten, dein Feld sollst du nicht besäen mit vermischten Arten und Kleidung aus vermischten Arten, das Scha’atnes ist, soll nicht auf dich kommen.
Meine Anordnungen sollt ihr beachten
אֶת חֻקֹּתַי תִּשְׁמֹרוּ „Meine Anordnungen sollt ihr beachten“, und das sind sie: dein Vieh sollst du nicht paaren lassen in vermischten Arten … [חֻקִּים sind] Anordnungen des Königs, für die kein Grund angegeben ist.
Raschi
und Kleidung aus vermischten Arten
וּבֶגֶד כִּלְאַיִם „Kleidung aus vermischten Arten“, warum steht das? Weil es heißt (Dew. 22:11) לֹא תִלְבַּשׁ שַׁעַטְנֵז צֶמֶר וּפִשְׁתִּים יַחְדָּו „Bekleide dich nicht mit einer Verbindung aus Wolle und Leinen zusammen“, hätte ich meinen können, man bekleide sich nicht mit Wollflocken und Flachsbündeln, darum steht בֶּגֶד „Kleidung“. Woher füge ich auch Filze hinzu? Darum steht שַׁעַטְנֵז, eine Sache, die geglättet (שׁוּעַ), gesponnen (טָווּי) und gewebt (נוּז) ist.
Ich meine, נוּז bedeutet „gedreht“ und „zusammengezwirnt“, um es zu verbinden; auf Französisch mester „weben“. Wie (Moed Katan 12b) חָזְיָן לְנָאזֵי דְּאִית בְּהוֹן „man gebraucht die Körner, die darin enthalten sind“. Denn wir leiten es ab von כִּמּוּשׁ „welk“, „zusammengezogen“, auf Französisch fleistrir.
Den Ausdruck שַׁעַטְנֵז (Scha’atnes) erklärt Menachem: eine Verbindung aus Wolle und Leinen.
Raschi
וְ֠אִישׁ כִּֽי־יִשְׁכַּ֨ב אֶת־אִשָּׁ֜ה שִׁכְבַת־זֶ֗רַע וְהִ֤וא שִׁפְחָה֙ נֶחֱרֶ֣פֶת לְאִ֔ישׁ וְהָפְדֵּה֙ לֹ֣א נִפְדָּ֔תָה א֥וֹ חֻפְשָׁ֖ה לֹ֣א נִתַּן־לָ֑הּ בִּקֹּ֧רֶת תִּהְיֶ֛ה לֹ֥א יוּמְת֖וּ כִּי־לֹ֥א חֻפָּֽשָׁה׃
20
20
Wenn jemand bei einer Frau liegt, und sie ist eine Sklavin, die mit einem anderen Mann bestimmt ist und nicht losgekauft wurde, und sie hat auch sonst nicht ihre Freiheit erhalten, dann soll eine Untersuchung stattfinden, aber getötet sollen sie nicht werden, weil sie nicht freigelassen war.
die mit einem Mann verlobt ist
נֶחֱרֶפֶת לְאִישׁ, eine Frau, die für einen Mann bestimmt und versprochen ist. Ich kenne kein ähnliches Wort in der Torah.
Der Vers spricht von einer nichtjüdischen Sklavin, die zur Hälfte noch Sklavin und zur Hälfte bereits frei ist, die mit einem jüdischen Knecht verlobt ist (מְּאֹרֶסֶת), der eine Sklavin nehmen darf (Keritot 11a).
Raschi
nicht losgekauft wurde
Sie ist nicht nur zum Teil losgekauft (פְּדוּיָה וְאֵינָהּ פְּדוּיָה). Unter „Loskaufen“ ohne weitere Angabe ist „mit Geld“ gemeint.
Raschi
ihre Freiheit: durch einen Freibrief (שְׁטָר).
Raschi
es soll eine Untersuchung stattfinden
בִּקֹּרֶת תִּהְיֶה „es soll eine Untersuchung stattfinden“. Sie wird vom Gericht körperlich bestraft, er nicht. Das Gericht soll die Sache untersuchen (לְבַקֵּר), um ihn nicht zum Tod zu verurteilen. Denn sie war nicht freigelassen, und ihre Verheiratung war dadurch keine vollkommene (אֵין קִדּוּשֶׁיהָ קִדּוּשִׁין גְּמוּרִין).
Unsere Lehrer (Keritot 11a) entnehmen von hier, dass sie [nicht gänzlich von der Strafe befreit ist, sondern] Schläge als Bestrafung erhält (מַלְקוֹת). Aus dem Ausdruck בִּקֹּרֶת תִּהְיֶה lernen sie: יְהֵא בִּקְרִיאָה, die Strafe, bei der dem Bestraften vorgelesen wird. Die Richter, die die Bestrafung erteilen lassen, lesen dem, der bestraft wird, vor (Dew. 25:58) אִם לֹא תִשְׁמֹר לַעֲשׂוֹת „wenn du nicht hütest, zu erfüllen“, וְהִפְלָא ה׳ אֶת מַכֹּתֶךָ „dann wird der Ewige dich außergewöhnlich strafen“.
Raschi
weil sie nicht freigelassen war
Darum ist er nicht todesschuldig durch sie. Denn ihre Verheiratung (קִדּוּשִׁין) war nicht gültig. Wenn sie aber freigelassen war, so war ihre Verheiratung gültig, und er ist todesschuldig.
Raschi
וְכִפֶּר֩ עָלָ֨יו הַכֹּהֵ֜ן בְּאֵ֤יל הָֽאָשָׁם֙ לִפְנֵ֣י יְהוָ֔ה עַל־חַטָּאת֖וֹ אֲשֶׁ֣ר חָטָ֑א וְנִסְלַ֣ח ל֔וֹ מֵחַטָּאת֖וֹ אֲשֶׁ֥ר חָטָֽא׃ (פ)
22
22
Und mit dem Widder des Schuldopfers (Ascham) erwirke der Kohen ihm vor dem Ewigen Sühne für die Sünde, die er begangen hat, und es wird ihm vergeben seine Sünde, die er begangen hat.
es wird ihm vergeben seine Sünde, die er begangen hat: das fügt den mit Absicht Sündigenden (מֵּזִיד) hinzu, dass er hierbei einem irrtümlich Sündigenden (שּׁוֹגֵג) gleich sei.
Raschi
וְכִי־תָבֹ֣אוּ אֶל־הָאָ֗רֶץ וּנְטַעְתֶּם֙ כָּל־עֵ֣ץ מַאֲכָ֔ל וַעֲרַלְתֶּ֥ם עָרְלָת֖וֹ אֶת־פִּרְי֑וֹ שָׁלֹ֣שׁ שָׁנִ֗ים יִהְיֶ֥ה לָכֶ֛ם עֲרֵלִ֖ים לֹ֥א יֵאָכֵֽל׃
23
23
Wenn ihr in das Land Israel kommt und allerlei Bäume zur Speise pflanzt, dann sei diese Frucht für euch *als Orlah versperrt; drei Jahre sei sie euch versperrt und werde nicht gegessen.*
Orlah
וַעֲרַלְתֶּם עָרְלָתוֹ bedeutet וַאֲטַמְתֶּם אֲטִימָתוֹ, du sollst seine Versperrung versperren“. Es sei diese Frucht für euch verschlossen und versperrt, keinen Nutzen davon zu haben.
Raschi
Orlah: In den ersten drei Jahren sind die Früchte eines Baumes sowohl für den Genuss als auch für jegliche Nutznießung verboten. Im vierten Jahr sind die Früchte heilig und dürfen nur in Jeruschalaim gegessen werden. Ab dem fünften Jahr sind die Früchte erlaubt. Diese Vorschriften gelten nur für das Land Israel (מִּצְווֹת הַתְּלוּיוֹת בָּאָרֶץ), wie es heißt: „Wenn ihr in das Land Israel kommt …“.
drei Jahre sei sie euch versperrt
Ab wann zählt man für den Baum? Von der Stunde an, da man ihn eingepflanzt hat. Ich hätte meinen können, dass wenn man die Früchte bis nach den drei Jahren aufbewahrt, sie erlaubt seien, darum steht יִהְיֶה, בַּהֲוָיָתוֹ יְהֵא „seien sie“: sie bleiben, so wie sie sind.
Raschi
וּבַשָּׁנָה֙ הָרְבִיעִ֔ת יִהְיֶ֖ה כָּל־פִּרְי֑וֹ קֹ֥דֶשׁ הִלּוּלִ֖ים לַיהוָֽה׃
24
24
Im vierten Jahr sei seine ganze Frucht heilig, eine Lobpreisung dem Ewigen.
sei seine ganze Frucht heilig: gleich dem Maaser Scheni, bei dem steht (Waj. 27:30) וְכָל מַעֲשַׂר הָאָרֶץ גו׳ קֹדֶשׁ לַה׳ „aller Maasser des Landes … heilig dem Ewigen“. Wie Maasser Scheni nicht außerhalb der Mauern Jeruschalaims gegessen werden darf, außer wenn er ausgelöst wird, so ist es auch hiermit. Und diese Sache ist eine Lobpreisung dem Ewigen: man trägt die Früchte dahin, um den Ewigen zu loben und zu preisen.
Raschi
וּבַשָּׁנָ֣ה הַחֲמִישִׁ֗ת תֹּֽאכְלוּ֙ אֶת־פִּרְי֔וֹ לְהוֹסִ֥יף לָכֶ֖ם תְּבוּאָת֑וֹ אֲנִ֖י יְהוָ֥ה אֱלֹהֵיכֶֽם׃
25
25
Und im fünften Jahr erst dürft ihr seine Früchte genießen — damit sein Ertrag sich mehren soll für euch; ich bin der Ewige, euer G‑tt.
damit sein Ertrag sich mehren soll für euch
Wenn ihr diese Mizwa hütet, wird es euch den Ertrag des Baumes vermehren; denn als Lohn dafür segne Ich euch die Früchte des jungen Baumes.
Rabbi Akiwa sagte, die Torah spricht hier zur Abwehr des bösen Triebes; dass der Mensch nicht sage, vier Jahre habe ich mich umsonst damit gemüht; darum steht לְהוֹסִיף לָכֶם תְּבוּאָתוֹ „damit sein Ertrag sich mehren soll“.
Raschi
ich bin der Ewige: Ich bin der Ewige, der das verspricht und der Ich treu bin, Mein Versprechen zu erfüllen.
Raschi
לֹ֥א תֹאכְל֖וּ עַל־הַדָּ֑ם לֹ֥א תְנַחֲשׁ֖וּ וְלֹ֥א תְעוֹנֵֽנוּ׃
26
26
Ihr sollt nicht beim Blut essen, haltet nicht auf Wahrsagungen und Zeitenwahl.
Ihr sollt nicht beim Blut essen
לֹא תֹאכְלוּ עַל הַדָּם „Ihr sollt nicht beim Blut essen“ wird in Sanhedrin (63a) auf vielfache Weise erklärt. Man esse nicht vom Opferfleisch (בְּשַׂר קָדָשִׁים) vor der Sprengung des Blutes. Weiter, es ist verboten, auch von allgemeinen Tieren (בֶּהֱמַת חֻלִּין) zu essen, bevor das Leben entwichen ist; und noch viele andere Erklärungen.
Raschi
haltet nicht an Wahrsagungen: wie jene Menschen, die ein Wiesel oder Vögel für eine Vorbedeutung halten, oder wenn ihm das Brot aus dem Mund gefallen ist oder ihm ein Hirsch über den Weg läuft, und er das für ein Zeichen hält (Sanhedrin 65b–66a).
Raschi
haltet nicht auf Zeitenwahl
וְלֹא תְעוֹנֵנוּ „haltet nicht auf Zeitenwahl“: das Wort תְעוֹנֵנוּ kommt von עוֹנוֹת „Zeiten“, Stunden, dass der eine sagt: der und der Tag ist gut, an ihm eine Arbeit zu beginnen; die und die Stunde ist ungünstig, um aus dem Haus zu gehen (Sanhedrin 65b).
Raschi
לֹ֣א תַקִּ֔פוּ פְּאַ֖ת רֹאשְׁכֶ֑ם וְלֹ֣א תַשְׁחִ֔ית אֵ֖ת פְּאַ֥ת זְקָנֶֽךָ׃
27
27
Ihr sollt nicht rundum abscheren die Seitenecken eures Haares am Kopf und du sollst nicht zerstören die Ecke deines Bartes.
Ihr sollt nicht rundum abscheren die Seitenecken eures Haares am Kopf: das ist derjenige, der seine Schläfen gleichmacht mit dem Haar hinter den Ohren und an der Stirn, sodass [der Haaransatz] um den gesamten Kopf einen gleichmäßigen Kreis bildet. [Der natürliche Haaransatz bildet keinen gleichmäßigen Kreis,] denn der Haaransatz hinter den Ohren ist viel höher als an den Schläfen (Makot 20b).
Raschi
die Ecke deines Bartes: das Ende des Bartes und seine Grenzen. Das sind fünf, zwei an jeder Backe oben neben dem Kopf, da ist sie breit und hat zwei Ecken, und eine Ecke unten am Kinn, wo die beiden Backenseiten miteinander verbunden sind (Makot 20b).
Raschi
וְשֶׂ֣רֶט לָנֶ֗פֶשׁ לֹ֤א תִתְּנוּ֙ בִּבְשַׂרְכֶ֔ם וּכְתֹ֣בֶת קַֽעֲקַ֔ע לֹ֥א תִתְּנ֖וּ בָּכֶ֑ם אֲנִ֖י יְהוָֽה׃
28
28
Und einen Einschnitt wegen eines Toten sollt ihr nicht machen an eurem Fleisch, und eingeätzte Schrift sollt ihr an euch nicht machen. Ich bin der Ewige.
Und einen Einschnitt wegen eines Toten: so war die Art der Emorim, Einschnitte in ihr Fleisch zu machen, wenn ihnen jemand gestorben war.
Raschi
wegen eines Toten
נֶפֶשׁ in der Bedeutung von „ein Toter“.
Targum Onkelos
eingeätzte Schrift: eingegrabene und eingesenkte Schrift, die niemals ausgelöscht werden kann.
Er ätzt sie mit der Nadel ein, sodass sie immer schwarz bleibt. Das Wort קַעֲקַע „eingeätzt“ kommt von (Bam. 25:4) וְהוֹקַע אוֹתָם „hänge sie an Pfähle“; (2 Schmu. 21:6) וְהוֹקַעְנוּם „dass wir sie an Pfähle hängen“. Man schlug ein Holz in die Erde und hing sie daran, sodass sie in die Erde geschlagen und an ihr befestigt waren; porpoint „einstechen“ auf Französisch.
Raschi
אַל־תְּחַלֵּ֥ל אֶֽת־בִּתְּךָ֖ לְהַזְנוֹתָ֑הּ וְלֹא־תִזְנֶ֣ה הָאָ֔רֶץ וּמָלְאָ֥ה הָאָ֖רֶץ זִמָּֽה׃
29
29
Entweihe deine Tochter nicht, indem du sie der Prostitution hingibst, damit es keine Prostitution im Land gebe und voller Schandtaten sei.
Entweihe deine Tochter nicht, indem du sie der Prostitution hingibst: wenn jemand seine ledige Tochter dem geschlechtlichen Umgang ohne Eheschließung hingibt (Sanhedrin 76a).
Raschi
entweihen: die Heiligkeit einer Sache verletzen, zerstören.
damit es keine Prostitution im Land gebe
וְלֹא תִזְנֶה הָאָרֶץ, wörtl. „damit das Land nicht hure“. Wenn du solches tust, hurt das Land mit seinen Früchten, indem es sie an einem anderen Ort und nicht in eurem Land hervorbringt. So sagt der Vers auch (Jirm. 3:3) וַיִּמְנְעוּ רְבִבִים „der Regen blieb aus“.
Raschi
אֶת־שַׁבְּתֹתַ֣י תִּשְׁמֹ֔רוּ וּמִקְדָּשִׁ֖י תִּירָ֑אוּ אֲנִ֖י יְהוָֽה׃
30
30
Meine Schabbattage sollt ihr hüten, und vor Meinem Heiligtum sollt ihr Ehrfurcht haben, Ich bin der Ewige.
vor Meinem Heiligtum sollt ihr Ehrfurcht haben
Der Mensch gehe nicht in das Heiligtum hinein mit seinem Stab, seinem Schuh, seinem Geldgurt und dem Staub auf seinen Füßen.
Obgleich Ich euch für das Heiligtum ermahne, sollt ihr Meine Schabbattage hüten, der Bau des Bet haMikdasch verdrängt nicht den Schabbat (Jewamot 6a–b).
Raschi
אַל־תִּפְנ֤וּ אֶל־הָאֹבֹת֙ וְאֶל־הַיִּדְּעֹנִ֔ים אַל־תְּבַקְשׁ֖וּ לְטָמְאָ֣ה בָהֶ֑ם אֲנִ֖י יְהוָ֥ה אֱלֹהֵיכֶֽם׃
31
31
Wendet euch nicht an die Totenbeschwörer und an Wahrsager; sucht sie nicht auf, euch zu verunreinigen durch sie. Ich bin der Ewige, euer G‑tt.
Wendet euch nicht an die Totenbeschwörer und an Wahrsager: ist das Verbot für den Totenbeschwörer und Wahrsager selbst. Beim בַּעַל אוֹב spricht der Totenbeschwörer aus seiner Achselhöhle. Der יִדְּעוֹנִי nimmt den Knochen eines Tieres, dessen Name יִדּוּעַ ist, in den Mund, und der Knochen redet (Sanhedrin 65b).
Raschi
sucht sie nicht auf, euch zu verunreinigen
Denn wenn ihr euch mit ihnen beschäftigt, verunreinigt ihr euch vor Mir, und Ich verabscheue euch.
Raschi
Ich bin der Ewige, euer G‑tt
Erkennt, wen ihr vertauscht und womit!
Raschi
מִפְּנֵ֤י שֵׂיבָה֙ תָּק֔וּם וְהָדַרְתָּ֖ פְּנֵ֣י זָקֵ֑ן וְיָרֵ֥אתָ מֵּאֱלֹהֶ֖יךָ אֲנִ֥י יְהוָֽה׃ (פ)
32
32
Vor dem Alter sollst du aufstehen, und achte das Ansehen eines Alten und fürchte deinen G‑tt. Ich bin der Ewige.
Vor dem Alter
מִפְּנֵי שֵׂיבָה, das Wort שֵׂיבָה ist kein Adjektiv, wie in אָדָם זָקֵן „ein alter Mensch“, sondern ein Hauptwort für „das Alter“. [Meschiwat Nefesch]
Nicht vor dem Menschen stehst du auf, sondern vor dem Alter, das ihm G‑tt gewährt hat.
Malbim
Vor dem Alter sollst du aufstehen,
Ich hätte meinen können, auch vor einem sündhaften Alten sollst du aufstehen; darum steht זָקֵן – זֶה שֶׁקָּנָה חָכְמָה, „alt“ ist derjenige, der Weisheit erworben hat.
Raschi
und ehre das Ansehen eines Alten
Worin besteht die Ehrung? Man setze sich nicht auf seinen Platz und widerspreche nicht seinen Worten. Ich hätte meinen können, man könne die Augen verschließen und so tun, als ob man die alte Person nicht sähe. Darum steht וְיָרֵאתָ מֵּאֱלֹהֶיךָ „fürchte deinen G‑tt“: diese Sache ist dem Herzen des Menschen übergeben, da nur er sie kennt; und bei jeder Sache, die dem Herzen übergeben ist, steht „fürchte deinen G‑tt“ (Bawa Mezia 59a–b).
Raschi
fürchte deinen G‑tt
Bei jeder Sache, die dem Herzen übergeben ist, steht „fürchte deinen G‑tt“ (Raschi): durch die G‑ttesfurcht ist der Mensch imstande, dem bösen Trieb zu widerstehen und die Mizwot G‑ttes auszuführen. Und auch: durch die Erfüllung der Mizwot, die dem Herzen übergeben sind, gelangt der Mensch zu G‑ttesfurcht. Jede Mizwa in praktischer Tat heiligt die Tat und die Instrumente der Tat; und jede Mizwa, die von den Gedanken des Herzens abhängig ist, heiligt des Menschen Herz.
Sefat Emet 5636, ד״ה ברש״י דבר המסור ללבו
Vor dem Alter sollst du aufstehen, und ehre das Ansehen eines Alten
Man ist verpflichtet, seinen Raw und seinen Torah-Lehrer zu ehren und zu fürchten mehr als seinen eigenen Vater; denn sein Vater hat ihn in das Leben dieser Welt gebracht, sein Lehrer aber bringt ihn in das Leben der zukünftigen Welt (עוֹלָם הַבָּא).
Es steht geschrieben: „Vor dem Alter sollst du aufstehen, und achte das Ansehen eines Alten.“ Hier ist mit einem „Alten“ ein Torah Gelehrter zu verstehen. Darum ist es eine Mizwa, vor einem Torah-Gelehrten (תַּלְמִיד חָכָם) aufzustehen, auch wenn er nicht alt an Jahren ist, und auch wenn er nicht sein Lehrer ist. Ebenso ist es eine Mizwa, vor einem aufzustehen, der siebzig Jahre oder älter ist, wenn er auch nicht viel Torah weiß, nur darf er kein böser Mensch (רָשָׁע) sein. Auch eine nichtjüdische ältere Person ehrt man mit Worten und reicht ihm die Hand, um ihn zu stützen.
Kizzur Schulchan Aruch §144:1–2
Vor dem Alter sollst du aufstehen … Ich bin der Ewige
אֲנִי ה׳, auch „Ich, der Ewige“ ehre die Alten, wie es heißt (Jesch. 24:23) וְנֶגֶד זְקֵנָיו כָּבוֹד „und vor Seinen Greisen Ehre“.
Rokeach, Moschaw Skenim