אִ֥ישׁ אִישׁ֙ אֶל־כָּל־שְׁאֵ֣ר בְּשָׂר֔וֹ לֹ֥א תִקְרְב֖וּ לְגַלּ֣וֹת עֶרְוָ֑ה אֲנִ֖י יְהוָֽה׃ (ס)
6
6
Kein Mensch darf sich seinen Blutsverwandten nähern und ihre Blöße aufdecken. Ich bin der Ewige.
Blutsverwandten
שְׁאֵר בְּשָׂרוֹ, Blutsverwandter. Der Körper wird שְׁאֵר genannt; da die Verwandten des Menschen wie sein eigener Körper sind, werden Verwandte ebenfalls שְׁאֵר genannt.
Radak, Rabbi Jona ibn Dschanach, שורש שאר
nähern
Der Vers verwarnt die Frau ebenso wie den Mann; deshalb steht לֹא תִקְרְבוּ „sollen sich nicht nähern“ in der Mehrzahl.
Raschi
Blöße
עֶרְוָה bedeutet „aufdecken“. [Raschi zu Bereschit 42:9, Wajikra 20:18]
עֶרְוָה beschreibt etwas Unanständiges, das verdeckt bleiben sollte. [Ibn Esra hier und zu Bereschit 42:9]
Die Torah verwendet mit לְגַלּוֹת עֶרְוָה „die Blöße aufdecken“ einen reinen Ausdruck, der den Intimverkehr beschreibt.
Ich bin der Ewige: treu, den Lohn zu bezahlen.
Raschi
עֶרְוַ֥ת אָבִ֛יךָ וְעֶרְוַ֥ת אִמְּךָ֖ לֹ֣א תְגַלֵּ֑ה אִמְּךָ֣ הִ֔וא לֹ֥א תְגַלֶּ֖ה עֶרְוָתָֽהּ׃ (ס)
7
7
Die Blöße deines Vaters, die Blöße deiner Mutter, darfst du nicht aufdecken; es ist deine Mutter, ihre Blöße darfst du nicht aufdecken.
Die Blöße deines Vaters
Das ist die Frau deines Vaters; oder vielleicht ist es nicht so, sondern wie die wörtliche Bedeutung? Es steht aber hier עֶרְוַת אָבִיךְ „die Blöße deines Vaters“, und steht weiter (Waj. 20:11) עֶרְוַת אָבִיו גִּלָּה „die Blöße seines Vaters hat er aufgedeckt“. Wie dort die Frau seines Vaters gemeint ist, so auch hier die Frau seines Vaters.
Raschi laut der Meinung von R. Jehuda, Sanhedrin 54a
die Blöße deiner Mutter
Das fügt die Mutter hinzu, die nicht die Frau seines Vaters war (Sanhedrin 54a).
Raschi
עֶרְוַ֥ת אֵֽשֶׁת־אָבִ֖יךָ לֹ֣א תְגַלֵּ֑ה עֶרְוַ֥ת אָבִ֖יךָ הִֽוא׃ (ס)
8
8
Die Blöße der Frau deines Vaters darfst du nicht aufdecken; es ist die Blöße deines Vaters.
Die Blöße der Frau deines Vaters
Das fügt hinzu: auch nachdem der Vater verstorben ist.
Raschi
עֶרְוַ֨ת אֲחֽוֹתְךָ֤ בַת־אָבִ֙יךָ֙ א֣וֹ בַת־אִמֶּ֔ךָ מוֹלֶ֣דֶת בַּ֔יִת א֖וֹ מוֹלֶ֣דֶת ח֑וּץ לֹ֥א תְגַלֶּ֖ה עֶרְוָתָֽן׃ (ס)
9
9
Die Blöße deiner Schwester, der Tochter deines Vaters oder der Tochter deiner Mutter, sowohl im Haus oder draußen geboren, ihre Blöße darfst du nicht aufdecken.
der Tochter deines Vaters
Auch die Tochter einer von ihm Vergewaltigten ist darunter zu verstehen.
Raschi
sowohl im Haus oder draußen geboren
Sowohl im Fall, dass [der Bet Din] zu deinem Vater sagt: Behalte die Mutter (בַּיִת); als auch im Fall, dass man zu ihm sagt: Schicke die Mutter weg (חוּץ), wie z.B. eine Mamseret, die aus einer verbotenen Verbindung hervorgegangen ist, oder eine Netina (Jewamot 23a).
Raschi
„Im Hause geboren“ bedeutet, dass es dem Vater gestattet ist, die Mutter deiner Schwester als Ehefrau im Hause zu behalten. „Draußen geboren“ bedeutet, dass er die Mutter aus dem Hause zu weisen hat. In jedem Falle aber, so lehrt der Vers, ist ihre Tochter deine Schwester und dir die Verbindung mit ihr verboten.
Mamser: Als Mamser (weibliche Form Mamseret) wird ein Kind bezeichnet, das aus einer Verbindung hervorgeht, die unter Strafe von Karet verboten ist (z.B. Inzest oder Ehebruch) bzw. selbst Kind von Mamserim ist. Einem Mamser ist es verboten, „in die Gemeinde G‑ttes einzutreten“. Das bedeutet, dass eine Heirat nur mit anderen Mamserim oder Konvertiten zulässig ist, nicht jedoch mit anderen jüdischen Partnern (siehe Dewarim 23:3).
Netina: Ein Natin (weibliche Form Netina) ist ein Nachkomme der knaanitischen Giwonim, die zur Zeit der Eroberung Knaans durch Jehoschua in Giwon ansässig waren. Aus Furcht vor Vernichtung erschlichen sie sich durch Verkleidung als fernreisende Fremde ein Bündnis mit Jehoschua und den Ältesten (Jeh. 9:3–27). Obgleich die Täuschung aufgedeckt wurde, hielt Jehoschua den Vertrag ein, teilte sie jedoch als Holzhauer und Wasserschöpfer ein („Natin“ bedeutet „zugewiesen“). Trotz ihres Übertritts zum Judentum blieb ihnen die Einheirat in das jüdische Volk untersagt (siehe Jewamot 79a).
sowohl im Haus oder draußen geboren
Das bezieht sich auf die Tochter deiner Mutter, sowohl wenn sie innerhalb der Ehe geboren wurde oder außerhalb der Ehe; deshalb warnt der Vers bei beiden Fällen. [Ramban]
Sowohl eine Schwester, die mit ihm zu Hause aufwuchs, als auch eine Schwester, die außerhalb aufwuchs – bei einer anderen Familie oder in einem fremden Land.
Ibn Esra
עֶרְוַ֤ת בַּת־בִּנְךָ֙ א֣וֹ בַֽת־בִּתְּךָ֔ לֹ֥א תְגַלֶּ֖ה עֶרְוָתָ֑ן כִּ֥י עֶרְוָתְךָ֖ הֵֽנָּה׃ (ס)
10
10
Die Blöße der Tochter deines Sohnes oder der Tochter deiner Tochter, ihre Blöße darfst du nicht aufdecken, denn es ist deine Blöße.
Die Blöße der Tochter deines Sohnes
Der Vers spricht von der Tochter einer von ihm Vergewaltigten. Seine Tochter und die Tochter seiner Tochter von seiner Frau lernen wir von (Vers 17) עֶרְוַת אִשָּׁה וּבִתָּהּ לֹא תְגַלֵּה „die Blöße einer Frau und ihrer Tochter darfst du nicht aufdecken“. Bei diesen steht „nicht aufdecken“ – ohne Unterschied, ob sie von ihm selbst stammt oder von einem anderen Mann (Jewamot 22b).
Raschi
Die Blöße der Tochter deines Sohnes: und gewiss deiner Tochter selbst. Nur, weil man nicht auf Grund eines קַל וָחֹמֶר (Kal we-Chomer) eine Warnung aussprechen kann, haben sie diese durch eine גְּזֵרָה שָׁוָה (Gesera schawa) in Jewamot (3a) herausgelernt.
Raschi
Ein Kal we-Chomer ist zwar logisch schlüssig (wenn der leichtere Fall verboten ist, gilt das nicht erst recht für den schwereren Fall?), kann aber nicht als Grundlage für ein Verbot dienen. Erforderlich ist eine ausdrückliche Warnung der Torah (As‘hara) oder eine Warnung durch Texthinweis, wie die Gesera Schawa, die einer ausdrücklichen Erwähnung gleichsteht. Die Gemara in Jewamot (3a) führt eine solche Gesera Schawa an, die als Warnung gegen den Verkehr mit der eigenen Tochter gilt.
עֶרְוַ֨ת בַּת־אֵ֤שֶׁת אָבִ֙יךָ֙ מוֹלֶ֣דֶת אָבִ֔יךָ אֲחוֹתְךָ֖ הִ֑וא לֹ֥א תְגַלֶּ֖ה עֶרְוָתָֽהּ׃ (ס)
11
11
Die Blöße der Tochter der Frau deines Vaters, die von deinem Vater gezeugt ist, sie ist deine Schwester, ihre Blöße darfst du nicht aufdecken.
Die Blöße der Tochter der Frau deines Vaters
Das lehrt, dass er im Fall seiner Schwester von einer Sklavin oder einer Nichtjüdin nicht schuldig ist. Darum steht בַּת אֵשֶׁת אָבִיךָ „der Tochter der Frau deines Vaters“, die zu Kiduschin fähig ist (Jewamot 23a).
Raschi
עֶרְוַ֥ת אֲחִֽי־אָבִ֖יךָ לֹ֣א תְגַלֵּ֑ה אֶל־אִשְׁתּוֹ֙ לֹ֣א תִקְרָ֔ב דֹּדָֽתְךָ֖ הִֽוא׃ (ס)
14
14
Die Blöße des Bruders deines Vaters darfst du nicht aufdecken; seiner Frau darfst du nicht nahe kommen, sie ist deine Tante.
Die Blöße des Bruders deines Vaters darfst du nicht aufdecken
Und was ist „seine Blöße“? [Nicht die Blöße des Bruders selbst ist damit gemeint, sondern wie weiter in diesem Vers steht] „Seiner Frau darfst du nicht nahe kommen“.
Raschi
עֶרְוַ֥ת כַּלָּֽתְךָ֖ לֹ֣א תְגַלֵּ֑ה אֵ֤שֶׁת בִּנְךָ֙ הִ֔וא לֹ֥א תְגַלֶּ֖ה עֶרְוָתָֽהּ׃ (ס)
15
15
Die Blöße deiner Schwiegertochter darfst du nicht aufdecken; sie ist die Frau deines Sohnes, ihre Blöße darfst du nicht aufdecken.
sie ist die Frau deines Sohnes
Ich habe das nur gesagt, wenn dein Sohn sie zur Frau genommen hat. Das schließt eine von ihm Vergewaltigte, eine Sklavin und eine Nichtjüdin aus.
Raschi
עֶרְוַ֥ת אִשָּׁ֛ה וּבִתָּ֖הּ לֹ֣א תְגַלֵּ֑ה אֶֽת־בַּת־בְּנָ֞הּ וְאֶת־בַּת־בִּתָּ֗הּ לֹ֤א תִקַּח֙ לְגַלּ֣וֹת עֶרְוָתָ֔הּ שַׁאֲרָ֥ה הֵ֖נָּה זִמָּ֥ה הִֽוא
17
17
Die Blöße einer Frau und ihrer Tochter darfst du nicht aufdecken, die Tochter ihres Sohnes und die Tochter ihrer Tochter darfst du nicht nehmen und ihre Blöße aufdecken; sie sind Blutsverwandte, das ist Unzucht.
Die Blöße einer Frau und ihrer Tochter
Der Vers hat nur verboten, wenn er die erste zur Frau genommen hat. Darum steht לֹא תִקַּח „nimm nicht“, קִיחָה bedeutet „zur Frau nehmen“. Und ebenso steht bei der Strafe (Waj. 20:14) אֲשֶׁר יִקַּח אֶת אִשָּׁה וְאֶת אִמָּהּ „der eine Frau und ihre Mutter nimmt“, der Ausdruck קִיחָה. Hat er aber eine Frau vergewaltigt, so darf er dem Gesetz nach ihre Tochter [die nicht seine Tochter ist] heiraten (Jewamot 97a).
Raschi
sie sind Blutsverwandte
שַׁאֲרָה הֵנָּה – קְרוֹבוֹת זוֹ לָזוֹ, sie sind nah miteinander verwandt.
Raschi
das ist Unzucht
זִמָּה „Plan“, wie der Targum sagt עֵיצַת חֲטִאין „ein sündhafter Plan“. Dein Trieb rät dir zu sündigen.
Raschi
וְאִשָּׁ֥ה אֶל־אֲחֹתָ֖הּ לֹ֣א תִקָּ֑ח לִצְרֹ֗ר לְגַלּ֧וֹת עֶרְוָתָ֛הּ עָלֶ֖יהָ בְּחַיֶּֽיהָ׃
18
18
Du darfst nicht zu deiner Frau ihre Schwester dazunehmen als Nebenfrau, du darfst nicht neben ihr, zu ihren Lebzeiten, ihre Blöße aufdecken.
zu deiner Frau ihre Schwester: beide zur gleichen Zeit (Kiduschin 50b).
Raschi
als Nebenfrau
לִצְרֹר, „sie zur Nebenfrau machen“, von צָרָה „Nebenfrau“. Du darfst nicht die eine Schwester zur Nebenfrau der anderen machen.
Raschi
zu ihren Lebzeiten
בְּחַיֶּיהָ „während ihres Lebens“. Das lehrt dich, dass wenn er sich scheiden hat lassen, er doch nicht ihre Schwester heiraten darf, solange sie lebt (Jewamot 8b).
Raschi
וְאֶל־אִשָּׁ֖ה בְּנִדַּ֣ת טֻמְאָתָ֑הּ לֹ֣א תִקְרַ֔ב לְגַלּ֖וֹת עֶרְוָתָֽהּ׃
19
19
Einer Frau in ihrer unreinen Absonderung darfst du nicht nahekommen und ihre Blöße aufdecken.
in ihrer unreinen Absonderung: sie hat sich nach der Periode noch nicht durch das Untertauchen im Wasser einer Mikwe von ihrer Unreinheit befreit.
Targum Jonathan, Rabbenu Meyuchas
וְאֶל־אֵ֙שֶׁת֙ עֲמִֽיתְךָ֔ לֹא־תִתֵּ֥ן שְׁכָבְתְּךָ֖ לְזָ֑רַע לְטָמְאָה־בָֽהּ׃
20
20
Der Frau deines Nächsten darfst du nicht Same bei deinem Beischlaf geben, du würdest dich dadurch verunreinigen.
darfst du nicht Same bei deinem Beischlaf geben
לֹא תִתֵּן … לְזָרַע „darfst du nicht Same geben“: dadurch wäre ungewiss, von wem זֶרֲע „die Nachkommen“ stammen.
Bechor Schor, Ramban
וּמִֽזַּרְעֲךָ֥ לֹא־תִתֵּ֖ן לְהַעֲבִ֣יר לַמֹּ֑לֶךְ וְלֹ֧א תְחַלֵּ֛ל אֶת־שֵׁ֥ם אֱלֹהֶ֖יךָ אֲנִ֥י יְהוָֽה׃
21
21
Von deinen Kindern darfst du keines hingeben, um es dem Molech zuzuführen, dass du nicht den Namen deines G‑ttes entweihst. Ich bin der Ewige.
Von deinen Kindern darfst du keines hingeben, um es dem Molech zuzuführen
„Molech“ ist der Name eines falschen Gottes (עֲבוֹדָה זָרָה). Sein Dienst bestand darin, dass einer sein Kind den Götzenpriestern übergab; diese machten zwei große Feuer und führten das Kind zu Fuß zwischen den beiden Feuern hindurch (Sanhedrin 64a).
Raschi
nicht hingeben
לֹא תִתֵּן „du sollst nicht hingeben“: das ist die Übergabe an die Götzenpriester.
Raschi
um es dem Molech zuzuführen
לְהַעֲבִיר לַמֹּלֶךְ „dem Molech zuzuführen“: das ist das Hindurchführen zwischen den Feuern.
Raschi
entweihen: die Heiligkeit einer Sache verletzen, zerstören.